vermessen leben

„Why collect data about yourself“

| Keine Kommentare

Google: "Why collect data about yourself"Obwohl mich die Self-Trackerei so sehr fasziniert, schließe ich für mich viele Self-Tracking Aktivitäten kategorisch aus. Ich bilde mir ein, dass mir Disziplin, Muße und persönlicher Mehrwert abgängig wären. Seitdem ich aber öffentliche blogge und gerade mein näheres Umfeld mit meiner Quantified Self Faszination nicht verschont lasse, werde ich regelmäßig gefragt, ob ich denn auch selbst irgendetwas vermessen würde. Nun ja; jain:

Die ersten vier Google Treffer zu meiner unanimierten Suche „Why collect data about yourself“ eröffneten meiner Self-Trackerei-Frage am Wochenende endlich eine neue Perspektive. (Das allein deshalb schon, weil es mich viel zu sehr fasziniert hatte, welche Suchergebnisse Google aus meiner vergleichweise unmotivierten Suchanfrage zauberte.)

Der erste Google-Treffer auf meine simple Suchanfrage war ein Blogpost bei Flowing Data; einer Webseite, auf der sich Autor Nathan Yau seit 2007 damit auseinandersetzt, „how designers, statisticians, and computer scientists are using data to understand [themselves] better — mainly through data visualization.“1 2010 fragte Yau seine Leser selbst sehr konkret „Why collect data about yourself“ und beantwortet diese Frage selbst so: ‚Ihn würden persönliche Daten einfach faszinieren‘, schreibt er ‚und er selbst würde Daten sammeln, um später jederzeit in die Vergangenheit zurückblicken zu können – so wie andere eben durch Fotoalben blättern.‘2

Unter diesem Gesichtspunkt muss ich die Frage, „ob ich auch selbst irgendetwas tracken würde“ zugegebenermaßen bejahen. Immerhin sehen meine geführten Terminkalender seit 2003 monatsweise immer mal wieder so aus, als würden sie mein ganzes Leben abbilden. Und zu meinem Verdruss kommt es tatsächlich vor, dass ich zurückblättere und mich durch „Termine“ lese, die ich dereinst sogar mit Notizen versehen hatte.

Marcias Google Kalender

Der zweite Treffer in meinen Google Suchergebnissen war der Blog von Matthew Cornell: „Welcome to the Experiment-Driven Life blog!“. In seinem Blogpost, „Why collect data about yourself? To be happy!”, fasst er seine Self-Tracking-Motivation mit der Formel „gain insight, change behavior, and ultimately be happier” zusammen. Er spannt damit den Bogen zur LifeHacking-Community, die keinen ganz so zahlenvisierten life-as-experiment-Ansatz verfolgt wie die Quantified Self Community, aber ähnlich viel Optimierungspotenzial in jedem Individuum sieht.

Was mich aber an Matthew Cornell wirklich begeistert hat, sind seine Selbstexperimente: Sein Decision-Log z.B., ein Tagebuch, in dem er wichtige und nichtige Entscheidungen, die er täglich trifft, trackt – samt Begleitumständen, angeführten Argumenten und Ergebnissen. Oder sein lessons-learned-Log, mit dem er bewusst aus Fehlern lernen will, indem er sie sich schriftlich verdeutlicht, immer wieder vor Augen führt und vergleichbar macht. Geschriebenes manifestiert.

Dazu ein kurzer Exkurs. Im Tagesspiegel bin ich vor zwei Wochen in einem Artikel („Haltlose Haltungen“) über eine Studie gestolpert, die die menschliche ‚Fähigkeit‘ zur Selbsttäuschung unter die Lupe nahm. Dazu wurden Fragebögen nach dem Ausfüllen so manipuliert, dass die Teilnehmer nicht merkten, dass die zuvor gegebenen Antworten nun neuen konträren Frage zugeordnet worden waren. Wenn sie aufgefordert wurden, den kompletten (manipulierten) Fragebogen samt ihren Antworten vorzulesen und daraufhin damit konfrontiert wurden, ihre vermeintlichen Antworten argumentativ zu rechtfertigen, brauchten sie es fertig, sich kurz zuvor strikt abgelehnte Haltungen plötzlich zu Eigen zu machen und schön zu argumentieren. Sich selbst überzeugend. Sich selbst täuschend.

Wenn uns solche Kunststücke auch bei alltäglichen Entscheidungen gelingen, bin ich fasziniert von Cornells Ansatz solche Selbsttäuschungsversuche austricksen zu wollen.

Was bleibt unterm Strich: Meine Kalender führe ich weiter wie gehabt und für ein decision- oder lesson-learned-log brauche ich ein geeignetes Tool. Sofort! Sonst scheitert es doch wieder an einem der drei eingangs genannten Kontra-Self-Tracking-Argumente: Disziplin.

Quellen:

1 http://flowingdata.com/about/. Zugriff am 15.10.2012. Die Webseite ist auch unabhängig von meinem eigentlich gefundenen Post verdammt sehens- und verfolgenswert. Richtig spannend sieht für mich das dazugehörige Self-Tracking-Tool your.flowingdata aus: Self-Tracking via Twitter-Messages und Instant-Visualisierung dank der Flowing Data Technologien. Ziemlich geil.

2 http://flowingdata.com/2010/07/30/discuss-why-collect-data-about-yourself/. Zugriff am 15.10.2012.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.