vermessen leben

Quantified Self – An Exploratory Study on the Profiles and Motivations of Self-Tracking

| 6 Kommentare

Bachelorarbeit - ein paar Statistiken„Thesis Journal #26 | Fertig“

Farbdruck, Leimbindung und in zweifacher Ausführung ‚pünktlich‘ abgegeben – schon vor vier Monaten am 31.01.2013. Gesamtbearbeitungszeit vom Tag der Themenfindung bis zur Abgabe: 152 Tage (4,997 Monate). Besuchte Meetups in Berlin: 2. Geführte Telefonate: Viele. Treffen mit meinem Betreuer: ~12. Kenngelernte Self-Tracker: >12. Geschriebene Seiten: 127. Geschriebene Wörter: 35.570. Häufigstes Wort: „Self“ (902x) nach „a“ und „the“. Korrekturleser: >11. Soweit die nebensächliche Bilanz meiner Bachelorarbeit.

Quantified Self – An Exploratory Study on the Profiles and Motivations of Self-Tracking

Die hauptsächlichen, tatsächlichen Ergebnisse aus meiner Umfrage zu Self-Tracking Motivationen und Profilen gibt es jetzt endlich einigermaßen kurz & aufgeräumt hier: Welche Profile und Motivationen ließen sich ausfindig machen? Wie hoch ist der Anteil gesundheitsbezogener Selbstvermesser und welche Parameter werden überhaupt gerne getracked? Für alle Fragen, die ich hier vergesse zu beantworten oder nicht in aller statistischen Vollständigkeit darlege, gibt’s die vollständige Auswertung in Form meiner Bachelorarbeit zum Download hier.


Allgemeine Daten

Von 411, die dem Aufruf unserer Umfrage (über Twitter, QS Facebook-Gruppen und QS Meetup Gruppenauf der ganzen Welt) folgten, füllten 217 Teilnehmer den Fragebogen vollständig aus. 167 davon gaben an ‚etwas‘ in ihrem Leben zu vermessen, genau 150 beantworteten die zwei Aufmerksamkeits- und Ehrlichkeitsfangfrage ehrlich und aufmerksam und wurden im Folgenden in allen Fragestellungen ausgewertet.

Data Derivation

Composition and derivation of the finally used total of responses after extracting all 411 responses from LimeSurvey® on December 1, 2012.



Der „typische“ Selbstvermesser

Unterm Strich? Es ließ sich ein „Selbstvermesser-Typus“ ausfindig machen: Der durchschnittliche Selbstvermesser ist 33,55 Jahre alt, männlich, aus den Industriestaaten der USA oder Europas, angestellt und verfügt durchschnittlich über ein monatliches Haushaltseinkommen von 2.697,33 US-Dollar (Anm.: Allerdings gibt es bislang auch fast nur in diesen Staaten Meetup-Gruppen und über diese wurde Gruppen wurde die Teilnehmer maßgeblich rekrutiert).

Ein paar mehr Fakten: Bemerkenswert ist sicherlich die hohe Eigenmotivation der Teilnehmer. 56% der Teilnehmer gaben an, dass sie aus eigenem Antrieb mit dem Self-Tracking begannen, 7% wurden von Freunden inspiriert, nur 8% von ihrem behandelten Arzt dazu ermuntert. Außerdem ließ sich eine hohe Eigenverantwortung unter den Self-Tracker identifizieren: 90% stimmten der Aussage zu „Ich vermesse mich selbst, weil ich mich für mein Leben verantwortlich fühle“. Hinzu kommt die hohe Technik-Affinität der Selbst-Vermesser: Die meisten nutzen zwei oder mehr Geräte um sich selbst zu vermessen. Nur 8% nutzen ausschließlich Papier und Stift für Ihre Aufzeichnungen.

Mit oder ohne Krankheitsbezug?

Nur ein Drittel aller Self-Tracker weist eine oder mehrere chronische Grunderkrankungen auf, deren Symptomen er „entgegen-tracken“ will. Ebenso viele tracken gesundheitsrelevante Parameter (32,33%). Der Wunsch nach individueller Unabhängigkeit von klassischen Standard-Therapien und -Behandlungen motiviert 50% aller chronisch-erkrankten Selbstvermesser.

Grundsätzlich wurden verschiedene Arten der Selbstvermessung unterschieden. Unter den „Vermessungszielen“ haben wir in neun Kategorien 54 verschiedene Parameter abgefragt und darüber hinaus die Möglichkeit angeboten eigene Parameter anzugeben. Zu den neun Kategorien gehörten Physical Activites, Body, Nutrition, Addictions, Medical, Well-being, Environment, Relationships und „Other“, darunter wurden Parameter sortiert wie z.B. Übungseinheiten, Schrittzahl, Treppenstufen, Gewicht, BMI, Blutdruck, Kalorienzufuhr, Wassergläser pro Tag, Stimmung, Schlafqualität und -quantität, u.v.m. Darüberhinaus wurden die Teilnehmer gebeten eigenständig einzuschätzen, ob sie in Folge einer Erkrankung eher gesundheitsbezogene Paramter tracken (health-related) oder ob sie die Selbstvermessungsaktivitäten ohne Krankheitsbezug aber dem eigenen Wohlbefinden gewidmet betreiben („well-being“). Tatsächlich vermessen 85,33% aller Teilnehmer „well-being“-bezogene Parameter, 32.66% zeichnet tatsächlich gesundheitsbezogene bzw. krankheitsbezogene Daten auf. 56% aller Teilnehmer beschäftigt sich ausschließlich mit Daten, die keinen Krankheitsbezug haben (Gruppe: „Well-being-only“), 32,66% vermisst sowohl krankheits- als auch gesundheitsbezogene Daten (Gruppe: „Well-being-and-health-related“).

Venn-Diagram for people that only track well-being related parameters (group well-being-only, here: light green) and people that track well-being as well as health-related parameters (well-being and health-related, here: dark green)

Venn-Diagram for people that only track well-being related parameters (group well-being-only, here: light green) and people that track well-being as well as health-related parameters (well-being and health-related, here: dark green)

Diese beiden Gruppen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Selbstvermesser, die sowohl well-being als auch health-related tracken sind signifkant älter (38,96 Jahre) als solche, die nur well-being Parameter tracken (32,65 Jahre); außerdem verfügen sie über ein signifikant höheres Einkommen (3.468,18 US-$/Monat ggü. 2.758,33 US-$/Monat) und verbringen signifikant mehr Zeit mit Self-Tracking-Aktivitäten und eigenem Self-Tracking: 80,07 Minuten/Tag ggü. 24,46 Minuten Tag.

Die Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit, bzw. für die eigene Leistung und Fitness und ein hohes Selbstoptimierungsbedürfnis ist dann aber fast allen Selbstquantifizierer gemein. Auf einer Skale von 1 = Strongly Disagree bis 5 = Strongly Agree, stimmten 90% der Teilnehmer der Aussage zu „I’m self-tracking because I feel responsible for my life” (Die Motivationen wurden mithilfe einer Likert-Skala von 1-5 quantifizierbar gemacht: 1 = Strongly Disagree, 2=Disagree, 3=Neutral, 4=Agree, 5=Strongly Agree).

Fünf Self-Tracking Motivationen

Fünf übergreifende Motivationen ließen sich identifizieren:

Self-Design
Mit einer durchschnittlichen Zustimmung von 3,93 (auf der oben eingeführten Skala von eins bis fünf) ist „Self-Design“ der wichtigste motivationale Trigger für Selbstvermessungsaktivitäten. Self-Design fasst die Aussicht auf Optimierung, Kontrolle und Manipulation des Selbst zusammen.

Self-Entertainment
Sei es die Spielerlei mit dem Smartphone oder mit spezifischen Selbstvermessungsgeräten oder weniger technisch einfach mit Zahlen und Statistiken: Auch der meist spielerische Ansatz der Quantified Self Aktivitäten spielt für viele Self-Tracker eine wichtige motivationale Rolle. Die Selbstvermesser genießen es in Self-Tracking Aktivitäten zu versinken und das Gefühl die Zeit zu vergessen, wenn sie sich mit diesem Thema beschäftigen.

Self-Association
Das englische „association“ kann ‚community‘ (Gemeinschaft), ‚affiliation‘ (Zugehörigkeit) aber auch ‚resemblance‘ (Ähnlichkeit) bedeuten. „Self-Association“ als motivationaler Trigger für Selbstvermesser hat zwei Dimensionen: Auf der einen Seite suchen Selbstvermesser einen Vergleich, sie versuchen das eigene Dasein ins Verhältnis zu setzen, brauchen Bezugspunkte als Referenzwerte; auf der anderen Seite, motiviert der Fakt anderen vielleicht als Bezugspunkt oder Motivator zu dienen, zu inspirieren oder sogar anderen zu helfen.

Da sich diese Motivation maßgeblich von den vier anderen durch ihr Verhältnis des Selbst zu einer Gemeinschaft (statt zu sich Selbst) unterscheidet, möchte ich darauf hinweisen, dass „Self-Association“ nicht notwendigerweise ein „Zugehörigkeitsbedürfnis“ einschließt. Die Self-Tracker sind Individualisten, die ohne Gemeinschaft kein Indivuum wären („There is no individuality without a community“).

Self-Discipline
Wie viele Hobbysportler, Abnehmwillige und Gewohnheitsaufgeber beschweren sich über den „Inneren Schweinehund“? Wenn Self-Tracking dazu motiviert am Ball zu bleiben und unverrückbar vor Augen geführte Zahlen ein näherkommendes Ziel sichtbar in Reichweite bringen, wird Self-Tracking zum Disziplinierungsselbstläufer. Eine App, die einem den Schweinehund austreibt oder sogar in Zugpferde verwandelt, mag da ein willkommener Motivator sein.

Self-Healing
Das Drittel der Teilnehmer, das gesundheitsbezogene Parameter quantifiziert an, gab an, dass es sie motiviert, sich unabhängig von klassischer und standardisierter Medizin zu machen. Sie ziehen aus selbstvermessenen Daten Erkenntnisse über sich selbst und ihre Krankheit, die ihnen hilft, sich individuell einzustellen: auf ihre Krankheit, auf ihre Symptome, mit Medikamenten, psychisch, geographisch und mental. (Anm.: Der Recruitmentprozess konzentrierte sich nicht spezifisch auf selbstvermessende Patienten akuter und chronischer Erkrankungen.)

Persönliche Schlussbemerkung

Es fühlte sich irgendwann und immer etwas ironisch und fast bitter an, Menschen, die sich durch die unterschiedlichsten Selbstvermessungsaktivitäten individualisieren wollen, wieder in Durchschnitte packen zu wollen. Selbstvermesser möchten herausfinden, in inwiefern sie sich von anderen oder einfach nur einem Standard unterscheiden. Sie möchten verstehen, ob ihnen ein anderes Medikament besser hilft, als den restlichen 90% aller Patienten. Wie reagiert der eigene Körper, wie tickt die eigene Psyche, verläuft der eigene Krankheitsverlauf, nehmen Familie und Freunde Einfluss, wirken sich eigene Symptome anders aus, interagieren Parameter des Lebens verschieden, spielen spontane Momente eine Rolle, verändern Worte/Fernsehsendungen/gelesene Bücher den Lauf des Lebens…?

Was die meisten Selbstvermesser machen ist nicht verwerflich. Sie quantifizieren und analysieren ihr Leben statistisch durch – weil sie es können, weil es ihnen Spaß macht und weil es ihnen etwas gibt.

“Identity is our mystery. We have no idea who we are – what humans are, and what humans are good for. […] Self-tracking and the Quantified Self movement are contemporary probes into this mystery, part of our feeble attempt to figure out who we are – as individuals and a collective. Quantifying your self is an act of self-assertion. All this attention is not a narcissist adoration of the self, but a self-definition in an age of great uncertainty about who we are.”

QS co-founder Kevin Kelly, 2011

Bei den hier vorgestellten Ergebnissen handelt es sich nur um Auszüge aus meiner Bachelorarbeit. Die komplette Arbeit gibt es hier. Darüberhinaus wurden nach der Abgabe meiner Bachelorarbeit noch weiterführende Analysen vorgenommen, die Querverbindungen, Korrelationen und sonstige Verbindungen zwischen den Ergebnissen darlegen (z.B. inwiefern und wie stark verschiedene Motivationen die Anzahl der getrackten Parameter beeinflussen oder die aufgewendete Zeit) – die gibt’s erst später.

6 Kommentare

  1. Hey Marcia,

    ich habe die Arbeit etwas verfolgt und finde es wirklich interessant! Leider finde ich keine Informationen über den Lehrstuhl oder Professor, wo du deine Arbeit geschrieben hast.

    Vielleicht wird es da ja auch die Möglichkeit geben eine weitere Arbeit zu schreiben?

    Grüße
    Thomas

  2. Hallo Marcia,

    und immer wieder kann ich nur betonen: tolle Arbeit mit sehr wertvollen Ergebnissen! 🙂 Ich kann es gar nicht oft genug durchgehen.
    Wie du sicherlich schon gemerkt hast, bin ich in letzter Zeit ebenfalls sehr in meine Thesis vertieft… Ich melde mich wieder, sobald ich kann und ich habe auch Neuigkeiten für dich!

    Glg
    Stephanie Böhme

  3. Pingback: Quantified Self: Self Tracking for Health

  4. Ein Jahr später – wie ist es weitergegangen? Verfolgst du das Thema noch, hat sich QS in Deutschland weiter ausgebreitet? Eine Frage aus Wien – jana.herwig@univie.ac.at

  5. Hallo Marcia,
    mein Dank für die tolle Arbeit habe ich dir ja damals nach Fertigstellung bereits ausgesprochen 😉
    @Jana: Ja es entwickelt sich… QS weitet sich in verschiedensten Bereichen weiter aus. Sprich mich sonst auch gern bezüglich der Frage an. Vielleicht kann ich dir ja weiter helfen.
    Viele Grüße
    Arne

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.