vermessen leben

Seconds. Und Augenblicke genießend jeden Moment festhalten

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Damit ging es los, deswegen bin ich bei Quantified Self gelandet, deshalb faszinieren mich Self-tracking, LifeLogging und LifeHacking. Irgendwie dreht sich darum alles. Weil ich viel zu viel will: Festhalten, genießen und Neues erleben, dazu Konservatives und Exotisches auf einem Tisch servieren. Im September habe ich mich in all diese Projekte, Bachelorarbeit, Blog, Nebenjobs en masse, Lernen, Uni, Studium Generale, Psychologie, Startups, Gründerszene etc. mit solchem einem Feuereifer geschmissen, dass ich im November nicht mehr wusste, wo hinten und vorne ist. Oder wo und wann überhaupt September, Oktober und November stattgefunden hatten. Dabei bin ich über Leichen gegangen, habe Steine übersprungen, Latten gerissen und Lawinen weiterer rollender Steine ausgelöst, derer ich spätestens im Dezember wohl gar nicht mehr Herr war. Bis ich mit einer Nierenbeckenentzündung erst mal zwei Wochen zuhause bei meinen Eltern landete. Flo’s Kommentar dazu (ich hoffe, ich darf dich hier zitieren): „Oh du Arme. Selbst QS schützt vor Krankheit nicht 😉 Dann toi toi und halte durch. Alles wird gut!“ (FYI: deshalb übrigens auch meine Schreibpause hier…)

Dafür fehlt mir jetzt ein halbes Jahr Erinnerung. Gefühlt, nicht tatsächlich – natürlich ist kein halbes Jahr weg. Aber es waren derer so viele Erinnerungen im letzten halben Jahr, … diese sechs Monate haben so einen Satz gemacht, dass ich platzen könnte vor Eindrücken. Und die zwei Wochen Zuhause-Zuhause habe ich gebraucht, um mir das bewusst zu machen. Erst weitere zwei Wochen später konnte ich mich jetzt wieder unfassbar an meinen Google Kalender Aufzeichnungen erfreuen. Und an ganz vielen Fotos… Das klassischste aller LifeLogging-Medien. Ich habe mich einfach daran erfreut, ein paar Augenblicke, die ich genossen habe im letzten halben Jahr, festgehalten zu haben – sie aus dem Geschwindigkeitssog abgebremst zu haben.

Ich sitze schier jeden Tag an meiner Bachelorarbeit. Stehe auf, frühstücke, dusche, schreibe, analysiere, formatiere, teste, esse, schreibe weiter, gehe spazieren, esse, schreibe, esse, schreibe und lese. Jeden Tag jongliere ich mit diesen Daten von „meinen“ 150 Self-Trackern und doktere daran herum, welche Korrelationen es zwischen welchen Zahlen gibt. Mache mir Gedanken über die Aussagekraft von Mittelwerten, Medianen und Histogrammen, bilde Referenzgruppen und vergleiche Altersgruppen. Und wenn sich dann laut T-Tests, Chi-Quadrat- und Mann-Whitney-Tests tatsächlich (also mit 95%iger Wahrscheinlichkeit ;-)) was hinter meinen Zahlen verbirgt, freue ich mich diebisch. Zahlen sind mächtig. Aber sie haben mir persönlich trotzdem nicht direkt gesagt, was eigentlich meine Motivation und mein Interesse an Quantified Self ist. Das kam nebenbei. Quantified Self ist kein Selbstzweck, nur Mittel zum Zweck für mich.

Nein, nochmal, auch Quantified Self schützt vor Krankheit nicht. Aber mein Zugang zu Quantified Self ist immer noch so direkt und indirekt gleichzeitig, dass ich diesen Satz so kontextlos in Verhältnis gesetzt nicht stehen gelassen wissen will. Mit der Selbstvermesserei ist es für mich so: Sie hilft mir mich zu erinnern. Zurückzublicken. Mir macht es Spaß Erinnerungen zu repetieren, die unaufgezeichnet für mich zu flüchtig gewesen wären. Ich bin komplett gefangen in dem Gedanken, dass jeder Moment, den ich erlebe, zu mir gehört. Ein Teil dessen Menschen ausmacht, der ich bin. Jede von den 20.000 Entscheidungen täglich etwas verändert. Wenn ich könnte, würde ich am liebsten jeden einzelnen dieser Fetzen festhalten und ihn zu einem vollständigen Flickenteppich zusammennähen. Veränderungen sind Selbstzerstörungen lauter vergangener, alter Egos. Erinnerungen – und sei es eben unterstützt durch Selbstvermessungen, Selbstaufzeichnungen und ständige Selbstrepetitionen – versuchen diesem Selbstzerfall etwas entgehen zu setzen. Sie geben dem sich ständig erneuerndem Ego auf der Erinnerungssubstanz alter Egos Halt. Weil ich maßlos am liebsten alles festhalten würde, alle Vokabeln (und seien sie noch so random) lernen will, alle Medien lesen will, alle Sprachen sprechen können, alle Sportarten beherrschen und alle Rezepte auswendig wissen will, fällt es mir schwer auch nur einen einzigen Witz bis zur Pointe richtig zu Ende zu erzählen.

Und gleichzeitig bin ich so sehnsüchtig nach Veränderungen, nach Neuem, nach Erfahrungen (LESEN!). Warum? Bei all denen vielen tollen Menschen, die ich im letzten Jahr und schon immer kennenlernte durfte, ist mir jetzt irgendwann aufgefallen, dass es zwei „Typen“ zu geben scheint: Die einen, die sich heute noch an alles Erlebte erinnern und jede ihrer Geschichten erzählen können, als wären sie erst gestern passiert. Sie vergessen kein Detail, keine Emotion, keinen Kontext und auch nie die universelle Bedeutung dieses Erlebnisses. Sie erinnern sich sogar an einzelne oder vollständige Gesprächsfetzen. Und es gibt die anderen, die im Hier und Jetzt immer nur intensiv das aufsaugen und teilen können, was sie in dem Moment um sich haben.

Es scheint mir grummeligerweise, dass ich eher zu Zweiteren gehöre – und kann dem wenig entgegensetzen außer meiner Hier-und-Jetzt-Gestalt. Deshalb wohl will ich raus, etwas bewegen, etwas erleben, etwas teilen und alles festhalten, genießen und in seinen Kontext setzen – so lange ich kann.

Warum habe ich eigentlich ausgerechnet diese zwei Typen nicht in meiner Umfrage abgefragt? Ich könnte mir vorstellen, dass sich „meine“ Self-Tracker hier gut verorten ließen.

Ein Kommentar

  1. Hey unterschiedliche Zeitwahrnehmungstypen hatte schon mal jemand untersucht. Ich bin mir sicher, du hast davon schon gehört: https://www.youtube.com/watch?v=eJybVxUiy2U

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